Hilfe! – Rainer Buchheim

Ein vorwitziger Sonnenstrahl zwängte sich durch die hohen Kiefernwipfel und huschte bis herab zum Waldboden. Dort kitzelte er, einfach so aus Schabernack, einen kleinen Mistkäfer am Fühler, der unweit seiner Behausung – einem schon recht vertrockneten und zerklüfteten Baumstumpf – sein Mittagsschläfchen hielt. „Ha-ha-hat-tschiiie“, nieste der kleine Mistkäfer und blinzelte verdutzt in die Runde. Sogleich aber rappelte er sich auf und begann wacker draufloszustiefeln. Er wollte ergründen, woher denn die Sonne käme, und ließ den heimatlichen Baumstumpf weit hinter sich. „Mistkäfer“, brummelte er vor sich hin, „Mistkäfer – was für ein hässlicher Name!“

Dabei hatte ihn sein Vater, der große Mistkäfer, erst am Morgen deswegen getröstet: „Mach dir nichts daraus. Was bedeutet schon ein Name? Den haben uns doch nur die Menschen verpasst, Menschen, die viel zu hochnäsig durch die Welt stolzieren, als dass sie erkennen könnten, wie schön all das Getier ist, das am Erdboden krabbelt und kreucht. Schau dir nur einmal unseren Rücken an: Schimmert er nicht wie feinster Lack, grüner und dunkler noch als das Moos? Ha, und fällt erst ein Sonnenstrahl darauf, dann funkelt er gar wie ein Edelstein, ein Edelstein, den die Menschen Smaragd nennen. Von Käfern verstehen sie halt nichts. Wir sind ihnen einfach zu klein.“

So hatte der Vater gesprochen, und deshalb stapfte der kleine Mistkäfer immer weiter, Schritt für Schritt, Meter für Meter, um den Sonnenschein zu suchen, bis er endlich am Rande einer Lichtung anlangte. Überwältigt starrte er in die Sonne, die neben ein paar Federwölkchen hoch am Himmel stand. „Wart nur“, rief der kleine Mistkäfer voller Übermut, „bin ich schon so weit gelaufen, dann will ich jetzt auch noch das kleine Stück zu dir hinaufsteigen.“

Sprach’s und begann, einen dicken, hohen Grashalm zu erklimmen. Zunächst vorsichtig tastend, dann immer sicherer und immer schneller, immer höher und höher krabbelte er hinauf. „Warte, warte, gleich bin ich bei dir.“ Schon begann sich der Halm zu biegen, aber unser kleiner Mistkäfer ließ sich nicht davon beirren. „Nur noch ein Stückchen, dann bin ich da. Gleich glänzen wir beide um die Wette.“

Doch da geschah’s. Als der kleine Mistkäfer schon fast die Spitze des Grashalms erreicht hatte, knickte dieser unter der ungewohnten Last ab und – bums – landete unser Käferlein wieder da, wo es hergekommen war: auf dem Waldboden. Zum Glück war sein Rücken gepanzert und der Boden mit Laub gepolstert.

„Uff“, stöhnte der kleine Mistkäfer.

Aber nachdem er seinen Schreck überwunden hatte, rief er dem Grashalm trotzig zu: „Hat ja gar nicht weh getan!“ Der schaukelte nur sanft und stumm im leisen Nachmittagswind und schüttelte sich nicht einmal, als ginge ihn das alles gar nichts an. „Auch gut“, sagte der kleine Mistkäfer zur Sonne, „bleibst du eben alleine da oben. Und ich troll mich jetzt wieder nach Hause. Hab für heute genug von der weiten Welt.“ Aber das war wohl leichter dahergesagt als getan. Erst jetzt bemerkte er, dass er über sich nur den strahlenden Himmel und die grelle Sonne wahrnahm und dass seine sechs Beine hilflos in der Luft zappelten. So wild er sich auch bewegte, so sehr er sich auch anstrengen mochte, er bekam einfach den Boden nicht wieder unter die Füße.

„Oh weh“, begann er da zu jammern, „die ganze Welt steht auf dem Kopf.“

Und er schrie: „Hilfe, Hilfe! Hört mich denn keiner?“ Aber wie laut kann ein kleiner Mistkäfer schon schreien? Ganz langsam sank die Sonne tiefer und tiefer herab, als wolle sie jetzt zu ihm kommen, um ihn zu trösten. Seine Hilferufe gingen in ein leises Wimmern über, dann wurde er ganz still und schnappte nur noch nach Luft. Da, endlich, kam ein dicker Maikäfer angebrummt, schwirrte in einem eleganten Bogen über den kleinen Mistkäfer hinweg und ließ sich neben ihm nieder.

„Verschnaufen“, pustete er, „nur mal kurz verschnaufen, dann weiter, weiter. Leben ist kurz.“ „Endlich, dich schickt der Himmel“, sprach der kleine Mistkäfer erleichtert. „Bitte hilf mir. Ich will nach Hause.“ Der Maikäfer sah ihn verwundert an. „Ja, kannst du denn nicht fliegen?“ Dann pumpte er mit seinen Flügeln auf und ab. Das sah aus, als zuckte einer heftig die Schultern. „Kann nicht helfen, tut mir leid. Muss weiter, weiter. Leben ist kurz, dauert nur einen Mai.“ Und immer heftiger pumpte er mit seinen Flügeln, nahm ein paar Krabbelschritte Anlauf und – huuiii – stieg wieder in den blauen Himmel hinauf. Von da oben rief er dem kleinen Mistkäfer noch zu: „Keine Angst … ich sag … sag Bescheid … irgendwo …“, und verschwand. „Aber … ich will doch … nur nach Hause. Hilfe, Hilfeee …“, wimmerte der kleine Mistkäfer.

Wieder sank die Sonne ein Stückchen herab und gleißte auch gar nicht mehr so grell. Da kam in großen Sprüngen ein Heuschreck dahergehüpft und landete fast auf des Käfers Bauch. „Na, du lässt dir’s wohlgehen“, zirpte er und sah ihn schräg von der Seite an. „Unsereiner hat zu tun von früh bis spät, während du dich gemütlich von der Nachmittagssonne wärmen lässt.“ „Nein, nein, ich … ich will nach Hause. Hilf mir bitte, lieber, guter Heuschreck.“ Und wieder zappelten seine Beinchen, so heftig sie konnten. „Ja, kannst du denn nicht hüpfen?“, fragte der Heuschreck und schüttelte verständnislos den Kopf. „So schau mich doch an. Wie soll ich denn hüpfen können!“

Mitleidig beugte sich der Heuschreck zu ihm hinab. „Tatsächlich. Aber das kann man ja gar nicht mit ansehen.“ Dann hob er den kleinen Mistkäfer ganz vorsichtig auf. „Wo ist denn das, dein Zuhause?“ „Da, einen Vierteltag Krabbelweg in den Wald hinein.“ Voller Hoffnung wies er mit einem seiner Vorderbeine in die Richtung, in der er den heimatlichen Baumstumpf vermutete. „Aber hei-hei, fix-fix, da sind wir doch in null Komma nix“, rief der Heuschreck fröhlich. „Dann halt dich mal gut fest.“

Er ging kurz in die Hocke – und katapultierte sich gleich darauf mit seinen kräftigen, langen Hinterbeinen hoch in die Luft. Und – hops, hops, hops – ging’s weiter über Wurzelknorren und Heidelbeersträucher, so dass dem kleinen Mistkäfer ganz übel im Magen und ganz schwindelig im Kopfe ward. „Halt, haaalt!“, rief er. „Wir sind schon zu weit. Gerade bist du über unseren Baumstumpf hinweggehüpft.“ Augenblicklich blieb der Heuschreck nach der nächsten Landung sitzen. „Na, dann hast du’s ja jetzt nicht mehr weit“, sagte er – und legte unser Käferlein ganz sacht, ganz vorsichtig, als fürchte er, etwas zu zerbrechen, auf das weiche Moos des Waldbodens, und zwar genau so, wie er ihn vorhin gefunden hatte: auf den Rücken. „Aber …“, protestierte der kleine Mistkäfer. Vor Schreck verschlug es ihm die Sprache. „Oh, nichts zu danken, das tut man doch gern. Aber mach’s gut für heute. Ich muss weiter, hab zu tun, zu tun. Viele warten auf meine Hilfe, hei-hei, fix-fix.“ Sprach’s und war im selben Moment auf und davon gehüpft.

So lag er nun wieder, nicht weit von zu Hause entfernt, aber dennoch außer Käfer-Hörweite. Müde traten die Beine erneut ins Leere. „So helft mir doch. Warum hört mir denn keiner zu?“ Ein goldener Sonnenstrahl huschte fast waagerecht zwischen den mächtigen Baumstämmen hindurch, deren Kronen leise im Abendwind nickten. Aber selbst wenn er es gekonnt hätte – jetzt wollte er ihn nicht mehr einfangen.

Da, plötzlich, ganz leise, ertönte ein Stimmchen neben ihm. Er musste zweimal hinhören, bevor er glaubte, dass da wirklich jemand war. „Warum stöhnst du so?“, fragte es. „Ist dir nicht gut?“ „Ich kann dich nicht sehen. Wer bist du denn?“, entgegnete der kleine Mistkäfer.

„Das mag durchaus sein“, antwortete das Stimmchen, „denn ich bin viel kleiner als du. Ich bin eine Ameise.“ „Oh“, seufzte der kleine Mistkäfer enttäuscht, „wenn du so klein bist, kannst du mir ja auch nicht helfen. Ich will nach Hause, da, zu jenem Baumstumpf.“ „Nun, ich bin zwar klein, aber auch sehr kräftig“, erwiderte die Ameise. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, stemmte sie sich von unten mit all ihrer Kraft gegen den runden Rückenpanzer des Mistkäfers. Der Schweiß rann ihr in Strömen vom Gesicht, jedoch mehr, als den Käfer ein wenig ins Schaukeln zu versetzen, vermochte sie dennoch nicht. Schließlich trat sie ein paar Schritte zur Seite und schüttelte den Kopf. „So wird das nichts“, sagte sie. „Aber nicht verzagen, mein Lieber. Wir Ameisen sind nicht nur ziemlich stark für unsere Größe, wir sind auch sehr, sehr viele. Warte hier, lauf nicht weg!“ Wäre er nicht so verzweifelt gewesen, hätte unser Käfer über diesen Scherz schallend gelacht. Aber nun ließ man ihn schon wieder allein in seiner misslichen Lage!

Der letzte rote Sonnenstrahl in den Wipfeln war verschwunden, Kühle kroch aus dem Unterholz. Aber was war jetzt das? Da kamen in langer Reihe zehn, zwanzig, fünfzig oder noch mehr Ameisen einhergetrippelt, der Zug wollte gar kein Ende nehmen. Die vorderen schleppten eine gewaltige Kiefernnadel mit sich. „Hilfe, Hilfe!“, schrie der kleine Mistkäfer. „Wollt ihr mich etwa aufspießen?“ „Aber wo denkst du denn hin?“, sprach da die Ameise, die vorhin vergebens versucht hatte, ihn wieder auf die Beine zu schubsen und die jetzt den Zug anführte.

„Ans Werk, Leute!“, kommandierte sie.

Und – hast du nicht gesehen – schoben die Ameisen mit vereinter Kraft das eine Ende der Kiefernnadel behutsam unter des kleinen Mistkäfers Rücken und begannen, das andere Ende nach oben zu drücken. Eine Ameise kletterte auf die andere, so hoben sie sie an, Stück für Stück. Unser Käfer neigte sich, neigte sich immer weiter, bis er auf einmal – schwups – wieder auf seinen sechs Beinen stand. Er schüttelte sich, probierte ein paar Schritte, ob ihn seine Beine wohl noch trügen, und sagte: „Danke, danke, ihr Lieben. Jetzt kann ich das kurze Stück Weges bis nach Hause gut und gern alleine gehen.“ Die Ameisen hoben die Kiefernnadel noch einmal hoch in die Luft und winkten mit ihr zum Abschied. Dann machten sie sich in langer Reihe wieder auf den Rückweg zu ihrem Haufen.

„Wo warst du denn so lange?“, fragte seine Mutter, die große Mistkäferin, als der kleine Mistkäfer sichtlich erschöpft am Baumstumpf anlangte. „Wir fürchteten schon, dir sei etwas zugestoßen.“ „O … och nichts“, antwortete er, so leichthin er eben konnte. „Ich … ich habe nur die Sonne gesucht.“ Aber die war mittlerweile längst untergegangen und keiner ihrer Strahlen drang an diesem Tag mehr bis zum dunklen Waldboden vor.

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Ein Kommentar auf “Hilfe! – Rainer Buchheim
  1. Quendler sagt:

    Hallo, das sind ja ganz wunderbare Geschichten, auch zum selber lesen für unsere Jüngsten, denen gerade das Lesen oft recht schwer fällt. Vielleicht wird es für sie so etwas interessanter und sie sind eher bereit, mal etwas zu lesen. Die vielen anderen Medien machen es dem Lesen recht schwer. So habe ich es auch schon versucht meine Enkel mit einer “Mäusegeschichte” von mir zum Lesen anzuregen. Danke für die Idee.
    S. Quendler

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