Das Mädchen und der Weihnachtsmann – Günter Hoffmann

Wenn jemand fragte: „Lucia, wie alt bist du?“, dann blickte das Mädchen den neugierigen Fragesteller mit seinen dunkelbraunen, schuldlosen Rehaugen an, streckte ihm Daumen und Zeigefinger einer Hand entgegen und sagte selbstbewusst: „Z’ei Jahre.“

Erst vierzehn Tage zuvor hatte Lucia mit einer fröhlichen Kinderschar bei Kakao und Kuchen, unter bunten Girlanden und Luftballons ausgelassen und laut ihren zweiten Geburtstag gefeiert. Und jetzt stand schon wieder ein bedeutendes Ereignis bevor. Als sie früh erwachte, hatte Mama zu ihr gesagt: „Lucia, heute kommt der Weihnachtsmann.“
Die Kleine konnte in ihre bisherige Erlebniswelt diesen Mann noch nicht so recht einordnen. Sie hatte zwar in den letzten Tagen hier und da schon mal jemanden mit einem buschigen weißen Bart und einem langen roten Mantel gesehen, von dem Mama und Papa behaupteten, es sei der Weihnachtsmann. Aber sie hatte ihn immer nur aus einer gewissen Entfernung gesehen.

Deshalb sagte Mama: „Ich glaube, heute wird der Weihnachtsmann zu Lucia kommen, hierher, nach Hause.“
„Kommt zu Cia?“, fragte die Kleine.
„Ja, zu Lucia. Freust du dich?“
„Jaaa!“, rief sie und hopste fröhlich durch die Stube. „Weihna, Weihna“, jauchzte sie dabei. Weih-nachts-mann konnte sie noch nicht aussprechen, das war noch zu schwer. Dennoch wusste sie, wovon sie sprach. Denn der kleine Fratz wurde immer quirliger und der Tag wurde ihm sooo lang.
Nach dem Mittagschlaf kamen viele Gäste. Oma Christina, Oma Roswitha, Tante Kathi, Onkel Guido und Opa Günter. Opa Bernd hatte seinen Besuch für den nächsten Tag angesagt. Aber der Weihnachtsmann war nicht da. „Weihna?“, fragte Lucia, und es schien, als sei sie ein wenig enttäuscht, weil er noch nicht gekommen war.
„Der Weihnachtsmann kommt später, wenn es draußen dunkel geworden ist“, erklärte Papa. „Er muss ja heute zu ganz vielen Kindern gehen.“

Das verstand die kleine Lucia. Sie hüpfte zum Fenster und sah neugierig hinaus. Draußen war es noch nicht ganz dunkel, aber es tanzten unendlich viel Schneeflocken im leichten Wind und hüllten die kahlen Bäume und Sträucher in ein weißes Kleid.

„Lucia, wollen wir Schlitten fahren gehen und dabei den Weihnachtsmann suchen?“, fragte Oma Roswitha.
„Jaaa, Weihna, Weihna“, rief sie und holte flink ihre Schuhe.
Als sie mit dem Schlitten durch den Park zogen, fiel immer mehr Schnee und verwischte bald ihre Spuren. Doch der Weihnachtsmann war nicht zu sehen.
„Weihna nicht da“, sagte Lucia nach einer Weile etwas betrübt, streckte die Arme mit nach oben gekehrten Handflächen aus und schüttelte den Kopf.
„Ach, der Weihnachtsmann wird bestimmt noch zu dir kommen“, tröstete Tante Kathi. „Ganz gewiss. Du kannst es mir glauben.“

Das schien die Kleine überzeugt zu haben. Sie sprang vom Schlitten, stapfte durch den Schnee und begann übermütig die Großen mit Schnee zu bewerfen. Wenn jemand, den sie getroffen hatte, wie ein aufgescheuchtes Huhn herumhüpfte, freute sie sich und lachte wie ein kleiner Schelm.

Aber  noch immer war weit und breit kein weißbärtiger Mann mit rotem Mantel zu sehen. „Vielleicht ist der Weihnachtsmann gar schon bei uns zu Hause und wartet dort auf uns“, sagte Mama. „Wollen wir mal sehen?“
Natürlich wollte das Lucia. Aber zu Hause war der Weihnachtsmann auch nicht. Draußen wurde es jetzt immer dunkler und das kleine Mädchen wurde schon etwas ungeduldig. Fortwährend fragte sie: „Weihna kommt?“
Schließlich sagte Onkel Guido: „Ach Lucia, jetzt werde ich mal runter gehen und den Weihnachtsmann suchen. Und wenn ich ihn finde, bringe ich ihn her.“

Onkel Guido ging, den Weihnachtsmann zu suchen. Draußen war es inzwischen schon sehr finster. Die Straßenlaternen schienen in einem gelblichen Licht und ließen den Schnee in unendlich vielen Kristallen glitzern.
Die Erwachsenen erinnerten sich bei Kerzenschein, wie sie als Kinder Weihnachten erlebt und welche Bräuche sie am nachhaltigsten beeindruckt hatten. Doch das minderte die Spannung bei Klein-Lucia nicht. Immer wieder lief sie zum Fenster, in der Hoffnung, den Weihnachtsmann endlich zu sehen.
Auf einmal war im Hausflur ein lautes Poltern zu hören, so, als käme ein Riese mit großen Stiefeln die Treppen heraufgestampft.
„Was ist denn da draußen für ein Krach?“, fragte Oma Christina.
„Ob das vielleicht der Weihnachtsmann ist?“, flüsterte Papa.
Lucia ging vorsichtshalber zu Mama und kletterte auf ihren Schoß.
Das dröhnende Poltern im Treppenhaus kam näher und näher, immer näher. Alle lauschten gespannt. Und plötzlich pochte jemand laut an die Wohnungstür.
Papa öffnete und rief freudig: „Ah, der Weihnachtsmann! Guten Abend, lieber Weihnachtsmann.“
„Guten Abend, ihr Lieben“, tönte eine tiefe, etwas raue Stimme von der geöffneten Tür, „hier wohnt doch die kleine Lucia. Richtig?“
„Ja“, sagte Mama, die inzwischen auch aufgestanden und mit dem Mädchen auf dem Arm ein paar Schritte zur Tür gegangen war. „Hier ist Lucia.“

Als nun die Kleine den Weihnachtsmann so nah vor sich sah, mit seinem martialischen, Respekt erheischenden weißen Wuschelbart, den ebenso weißen buschigen Augenbrauen und den frostgeröteten Wangen, wurde ihr doch ein wenig bange und sie begann zu weinen, dass die Tränen nur so über ihr kleines Gesicht kullerten. Dabei schlang sie ihre Ärmchen schutzsuchend ganz fest um Mamas Hals, ließ aber den Weihnachtsmann nicht aus den Augen.
„Na, komm herein, lieber Weihnachtsmann“, sagte Papa, „wir warten schon auf dich.“
Der bärtige Mann trat mit schweren Schritten ins Zimmer. Je näher er kam, umso ängstlicher und fester schmiegte sich das Kind an die Mama.
„Du brauchst keine Angst zu haben, kleine Lucia“, sagte der Weihnachtsmann und hielt ihr zum Gruß die Hand entgegen, die sie aber beharrlich ignorierte.

Der Weihnachtsmann schien sehr erfahren zu sein und schon oft solche Situationen erlebt zu haben. Alt genug sah er ja aus. Denn er reagierte vertrauenerweckend, indem er sagte: „Lass nur, meine Kleine. Wir haben ja Zeit. Ich muss zwar heute noch zu vielen Kindern gehen, aber ich möchte erst weiterziehen, wenn du wieder fröhlich bist.“ Dabei streichelte er ihr zärtlich über das Haar, was sie geschehen ließ.

Mama hatte Lucia inzwischen aus ihren Armen frei gegeben. Und nun stand das kleine Mädchen dem großen Mann im roten Mantel gegenüber, in einer angemessenen Entfernung noch, aber schon etwas entspannter. Konzentriert beobachtete es jede seiner Bewegungen.
Jetzt kam der Weihnachtsmann auf eine ganz ausgeflippte Idee. Er fragte, ob die Kinder im Kindergarten auch Weihnachtslieder gelernt und gesungen haben.
„O ja, lieber Weihnachtsmann“, antwortete Mama. „Lucia singt manchmal: ‚Tanne’baum – Blätter…’. Ich glaube sie haben O Tannenbaum, o Tannenbaum gesungen.“
„Na“, sagte der Weihnachtsmann, „da möchte ich doch mal hören, ob ihr alle dieses Lied singen könnt. Auch die Erwachsenen!“ Der Mund, hinter dem weiße Bart verzog sich zu einem breiten Schmunzeln. Auch über Lucias Gesicht huschte ein zaghaftes Lächeln.
Tante Kathi gab den Ton an und schon hörte der Weihnachtsmann einen zwar nicht sehr brillanten, aber dafür lauten gemischten Chor, in dem zuweilen auch ein dünnes Kinderstimmchen zu hören war. Immer dann, wenn „Tannenbaum“ dran war oder „Blätter“.
Nach diesem musischen Höhepunkt war das Eis geschmolzen. Der Weihnachtsmann hatte sich inzwischen in einen Sessel gesetzt und einen großen Sack zwischen sich und Lucia gestellt, was das Mädchen nicht nur mit größter Aufmerksamkeit verfolgte, sondern auch ermutigte, noch einen Schritt weiter auf den Weihnachtsmann zuzugehen, der eben tief in den Sack griff und sagte: „Ich habe für Lucia etwas Schönes mitgebracht.“
Diese Ankündigung steigerte das Interesse des Kindes. Die Neugier siegte über die Furcht, und so ging sie noch einen Schritt näher und stand nun schon fast neben dem weißbärtigen Mann. Die ersten zwei Geschenke nahm sie noch mit gestreckten Armen aus seiner Hand entgegen. Das dritte Päckchen holte sie sich schon selber aus dem Sack. Mama hatte doch recht, als sie gesagt hatte, der Weihnachtsmann sei ein guter Mann. Und es dauerte auch nicht lange, bis Lucia auf seinem Schoß saß und ihm ein Dankesküsschen auf die bärtige Wange hauchte.
Nur schade, dass Onkel Guido das nicht sehen konnte. Er stapfte noch immer draußen herum und suchte vergeblich den Weihnachtsmann.

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