Das Gespräch mit Gott – Gudrun Anders

Es war einmal ein Engel, der sich sorgen machte, wie er dem lieben Gott begegnen sollte. Er war zwar schon lange im Reich Gottes und hatte ihn als liebenswürdigen Menschen kennengelernt, aber heute machte er sich Sorgen. Der Engel fühlte sich schuldig. Er fühlte sich irgendwie dreckig und beschmutzt, unrein und wollte in diesem Zustand seinem geliebten Gott nicht begegnen.

Und so verkrümelte er sich in die hinterste Ecke und hoffte, dass ihn niemand hier finden möge. Und während er so da saß und über alles nachgrübelte, merkte er gar nicht, wie Gott höchstpersönlich zu ihm kam. Gott setzte sich sacht und langsam neben den Engel, der sein Gesicht tief in seinen Händen begraben hatte und Gott nicht bemerkte.

Als Gott ihn sacht umarmte und in seine Arme schloss, erschrak der Engel zutiefst und schämte sich bis in Mark und Bein und fing an zu weinen. Gott umfasste ihn noch liebevoller und wiegte ihn sacht hin und her, bis der Engel wieder aufgehört hatte zu schluchzen.

„Oh, Gott, ich bin es nicht wert, von Dir geliebt zu werden! Ich fühle mich so fremd, als wenn ich nicht hierher gehören würde. Ich kann mir das alles nicht erklären. Ich fühle mich so wertlos, so hilflos. Ohne Schutz. Was ist das, Gott?“

Und Gott umgab den Engel mit noch mehr Liebe und sprach: „Ich verstehe Dich, mein geliebter Engel. Vielen geht es so wie Dir, glaube mir. Aber sei Dir gewiss, dass Du nie aus meiner Liebe herausfallen kannst, egal, was geschieht.“

„Aber ich bin nicht Gott gleich! Ich kann es niemals sein! Warum bist Du dann trotzdem für mich da?“

„Weil ich Dich liebe, wie Du bist. Weil ich Dich geschaffen habe, um eines Tages so zu werden, wie ich bin. Eines Tages, mein Engel, wirst Du so sein wie ich!“

„Wann ist das, lieber Gott. Kann ich da schneller hinkommen? Wie erreiche ich Deine Weisheit, Deine Güte?“ jammerte der Engel mit großen Augen.

„Du bist jeden Tag auf dem Weg dahin! Egal, ob Du als Engel den Menschen hilfst oder ob Du als Mensch auf der Erde wandelst. Je mehr Du Dich daran erinnerst, dass ich immer in Deiner Gegenwart bin, desto mehr wirst Du mir gleich werden.“

Und Gott sah den Engel gütig an und schickte ihm noch etwas mehr Liebe, damit der Engel seine Gottesnatur mehr und mehr erkennen konnte.

„Aber ich mache so viel falsch, tue und sage Dinge, die eher dem Teufel dienen als Dir, mein geliebter Gott.“ Und schon wollte der Engel wieder zu schluchzen anfangen.

„Aber das ist Dir bewusst, Engel. Das heißt, Du verdrängst nicht mehr. Das heißt, mit Deinem Herzen bist Du schon bei mir. Und deshalb liebe ich Dich noch mehr.“

Der Engel fand keine Argumente mehr und ergab sich Gott und als er es tat, durchströmte ihn eine Liebe, die ihm bedingungslos erschien. Er wollte es in vollen Zügen genießen, aber da formulierten sich schon wieder Fragen in seinem Kopf.

„Wie kann dieses Gefühl für immer und ewig anhalten, Gott. Das ist das, was ich so sehr vermisse!“ „Das Gefühl ist immer da, wenn Du es willst. Es ist unendlich.“

„Aber wenn ich ein Mensch bin, dann habe ich das Gefühl überhaupt nicht.“

„Dann besuche die Menschen, die mehr davon haben, als Du selbst, damit sie Dir etwas davon angeben können.“

„Aber werden die mich nicht wegstoßen?“ zweifelte der Engel.

„Nein, mein Engel. Es gibt Menschen, die mich in sich selbst voll erkannt haben. Sie handeln auf Erdenebene so wie ich im Himmel. Sie haben Kontakt mit mir. Suche sie auf. Sie nehmen Dich in die Arme, so wie ich es tue – in vollkommener Liebe.“

„Danke, Gott“, stammelte der Engel und schlief erschöpft ein.

Getagged mit:
Veröffentlicht unter Allgemein, Gutenachtgeschichten
Ein Kommentar auf “Das Gespräch mit Gott – Gudrun Anders
  1. Elisabeth Onken sagt:

    Hallo liebe Gudrun,vielen dank für diese rührende Geschichte !Sie hat mich zu Tränen gerührt.Ich habe mich selbst darin ein wenig erkannt und es gab mir trost.Danke von ganzm Herzen !Elisabeth Onken

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Facebook

Get the Facebook Likebox Slider Pro for WordPress